Gewissheiten, Vermutungen und Spekulationen zu Dirk Wunderlich

Der Autor dieses Textes ist kein Schreiber, wohl aber Formenleser, der die Figurationen Dirk Wunderlichs assoziativ nach Quellen erforscht und den Betrachter vseiner Objekte darauf verweist in automatischen und physiologischen Atlanten der Flora und Fauna zu blättern, um dort vermeintlich etwas zu entdecken, was Dirk Wunderlich angetrieben haben könnte, seine skulpturnahen Erfindungen vorzutragen.
Wir erinnern uns wohl alle an die Fähigkeit aus unserer Kindheit in formtypische Steine, Hölzer, Knochen, Wolkenformationen oder Bäume usw. Menschen- und Tiergestalten hineinzusehen oder herauszulesen. Da verwandeln sich Schwemmgut, Fundstücke, Fragmentarisches zu Vater, Mutter, König, Hexe, Teufel, Zwerg.
Mit diesen Figuren wurden Geschichten und Bilder aus der Welt der Märchen und der eigenen Phantasie gespielt und gelebt, die Spuren dieser „Kindheitsfiguren“ bleiben irgendwo unter der Hirnrinde als Formchiffren gespeichert, von wo sie durch ein äußeres, optisches Signal abgerufen werden können, wenn es der Zufall so will.
Vielleicht hat sich Dirk Wunderlich in Anknüpfung an seine Kindheit erinnert an Spiele und Rituale mit Primitiven, frühen Phantasiegestalten. Wir wissen es nicht.
Doch angesichts seiner Figurationen sei das Spekulative erlaubt, vielleicht sogar erwünscht.
Aber gewarnt sei, wer Wunderlichs Kunstfiguren nur auf ein künstlerisches Markenzeichen reduziert, der übersieht das Archetypische und das Idolhafte dieser Figuren, sowie das Phänomen ihrer ständigen Wandlungsfähigkeit, die immer neue Erscheinungen und Erfindungen zu erbringen vermögen.
An dieser Stelle darf nicht versäumt werden, nachzudenken, was diesen Künstler inspiriert, was ihn vorantreibt in seiner Arbeit.
Von einem Lehrer, einer Schule hat Dirk Wunderlich nichts mitbekommen. Als Autodidakt ist er auf seinen Spürsinn, sein Auge, seine Hinwendung angewiesen und auf die Fähigkeit sich dort zu bedienen, wo es zweckmäßig erschien.
Aber Kunst wird sich ihrer selbst erst dadurch bewusst, dass sie sich zur Natur immer in irgendeinem reflexiven Verhältnis befindet, verschlungen in Gestalt eines Unendlichkeitszeichens und so sind auch die Bemühungen des Künstlers zu deuten, weder ahmt er die Natur nach, noch ist es umgekehrt. Beide spiegeln sich ineinander. Erst mit der Besinnung seines Abstandes von der Natur, von deren Wirklichkeitserscheinung, begründet Dirk Wunderlich sein Anderssein. Erst von da an ist Kunst möglich. Es sind Erfahrungen aus Natur und Kunst, vor allem Kunst als interpretierte Natur, die sich Dirk Wunderlich früh einprägen und in der Erkenntnis auflösen, dass es nicht um das Abbild der Natur geht, die der Künstler in der Umwelt wahrnimmt, sondern um die Natur des Künstlers selbst, um in der Natur die der Künstler in sich trägt. Daraus gewinnt er die Vision des strukturellen Aufbaus seines Werkes, in dem die Elemente des Vegetativen, des Kristallienen, des Figürlichen, auch des menschlich Figürlichen und die Modifikationen des Schattens aus dem Licht alle ein und desslben Ursprungs sind. Das Verhältnis Dirk Wunderlichs zur Natur besteht infolgedessen darin, sein Schaffen analog zur Natur einzurichten. Deren schließliches Ergebnis stets die aus ihrem Kern von innen nach außen gewachsene plastische Form ist, als Manifest ihrer Inhaltlichkeit.
Aus den großen Bewegungsbahnen der Höhlungen, der Dellen, der Schrunden, der Kanäle gewinnt die Skulptur die Licht- und Schattenzüge des plastischen Konkav – Konvex – Verlaufs, die ihrem Volumen Leben und Bewegung verleihen.
Kunst kommt aus Kunst, auch das darf nicht unerwähnt bleiben, weil es so klar und einfach ist, dass es unsinnig wäre, dem zu widersprechen. So wird es auch immer Parallelwelten geben zwischen den Künsten und den Künstlern, zwischen Miro, Gonzales, Picasso, Gabo, Moore z.B. und Dirk Wunderlich.
Dennoch sind die Orte der Inspiration für Dirk Wunderlich vielmehr die Natur- und Völkerkundemuseen als die vielen seelenlosen Artefakte des zeitgenössischen Kunstbetriebs.
Abseits der Spekulationen um die Kunst Dirk Wunderlichs, weiß der Autor auch darüber zu berichten, mit welch ausgeprägter Sammler- und Ordnungsleidenschaft der Künstler ausgestattet ist.
Dieser Eindruck offenbart sich sehr konkret beim Besuch in Wunderlichs Studios. Die Bezeichnung Studio für die Arbeitsräume Dirk Wunderlichs ist berechtigt, weil, so empfindet der Autor, hier intensiv mit Hand und Kopf um Erkenntnisse und Erfahrungen gerungen wird, die wie immer auch strukturiert, ihre Formentsprechung finden. Also ein Erlebnisraum, der dem Entdecken dient. Das vermittelt sich dem Besucher sehr direkt. Er betritt einen scheinbar endlos langen Korridor von dem kleine Räume abzweigen, Magazine, die wie Wunderkammern mit den merkwürdigsten Dingen gefüllt sind :
„...Seeigelgruppen, Tierschädel, biegsame Ruten, gebogene Rippen, aber auch glänzendes Metall,... Schneckenhäuser, pflanzlichen Samenkapseln...“(1 ), Karosserieteilen, hölzerne Formen, Bruchstücke, menschliche und tierische Skelettteile u.a.m.“ All diese Archivarien numerisch geordnet und systematisch abgelegt.
Dazwischen bewegt sich der Künstler, „...wählt bedächtig aus, setzt behutsam zusammen, konstruiert kühn, verbindet dauerhaft, schmirgelt vorsichtig, schleift und schweißt...“(2), klebt, formt ab. Formen werden umhüllt mit “...Häuten aus Harz, manchmal bleiben Bauteile sichtbar, wie ein zahnbewehrter Kiefer oder ein Schulterblatt.“(3) Wunderlich bedient sich der Technik der Assemblage, wie sie bei Fetischobjekten und Kultgegenständen vergangener Kulturepochen oder von Künstlern der Moderne angewendet wurde, insbesondere von der surrealistischen Bewegung.
Es könnte sein, dass die irritationsauslösenden Momente und die Provokation solcher Objekte eine weitere Inspirationsquelle für Dirk Wunderlich darstellen, vielleicht auch der Anlaß waren, diese Technik ebenfalls zu verwenden.
Unbestritten aber ist, dass Dirk Wunderlich die ursprünglichen syntaktischen und morphologischen Strukturen seiner bildkonstituierenden Formenelemente gegenseitig soweit entfremdet, dass uns seine Objekte neugierig anlocken, Schaudern auslösen, Befremdlichkeit provozieren aber auch Entdeckerfreude bereiten und eine seltsam morbide Ästhetik verbreiten, die aus dem Widerspruch organischer Ursprünglichkeit und technisch – materieller Präzision der Werkausführung resultiert.
Das Organische dieser Werke beansprucht gleichsam unsere Aufmerksamkeit, wie das geometrisch kalkulierte des Elementaren bestehend aus Punkten, Linien und Flächen, die in autonomer Ordnung zum Körperhaften aufgebaut und zu Räumen geformt sind.
Das Harmonische der formalen Komposition, die die verschiedenen Teilaspekte des Werkes unter Wahrung ihrer Identität in ein großes Ganzes einzubinden vermag, kollidiert mit der sich daraus vermittelnden Assoziation von Emotionen, die diese kompositorische Harmonie heftig kontrastieren. Das irritiert, verunsichert unsere Wahrnehmung. Dieser Widerspruch ist unüberwindlich.
Und dennoch tragen die Zeichen, die Dirk Wunderlich mit seinen Plastiken aussendet die Signale des Humanen:
Der Schöpfer war der erste, er schuf Kreaturen nach seinem Bilde, der Schöpfer in uns kann nicht aufhören, es ihm nachzutun. Nur ist das Schöpfungsindividuum unergründlich, das bereitet uns Wonne, aber auch Erschrecken.
Gäbe es auf unseren Planeten keinen Menschen mehr und ein anderes Wesen, aus dem Weltenraum kommend, fände des Menschen Hinterlassenschaft vor in den Katakomben der Wunderlich – Studios, unverständlich, wie uns die Hieroglyphen lange geblieben sind, aber offen für die Wahrnehmung des Analogen. Dann könnte dieses Wesen darauf verfallen auf unsere, der Verschwundenen, Erscheinungsform zu schließen:
Das Kunstgebilde als Beitrag zu unserer wahren Physiognomie, für die Lesbarkeit des Menschen, ein Zeichen aus dem ganzen Alphabet dazu. Das Zeichenlesenlernen bedeutet, den Anfang der Geburt vor dem nacktem Skelett und den Tod in der leeren Samenhülle zu begreifen.
Soviel als Hinweis darauf, wie der Autor versucht war, einen Annäherungsversuch an die Kunstobjekte Dirk Wunderlichs zu wagen.

Prof. Hartmut Hornung

(1),(2),(3) – Quelle: Rede Ausstellungseröffnung – MARFA – Galerie Eymael
Kunsthistorikerin, Redding, UK, 2009

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