Lieber wunderlicher Freund und Kollege,

Seit einer erstaunlichen Vielzahl an Tagen schon, heizen Maiensonne und stetiger Ostwind nun unser cirzipanisches Gefilde: schnelle Gewächse erblühen noch bevor sie Blattwerk bilden, Teiche laden zum Baden noch bevor die wintermatten Lurche ihre Laichschnüre an frühe Unterwasserhalme haben knoten können. Dann ein Sonntag und meine Freundin sagt, die Nase in den blauen Himmel reckend: mir scheint, es riecht nach weitem Meer. Und tatsächlich hat der Wind einen Haken geschlagen über Nacht und bläst unerbittlich unterkühlt aus Richtung Island, die dumpfe Frühwärme vertreibend und rudimentär von dunklen nordischen Mythen kündend.

Eine derartig meteorologisch rasante Wechselhaftigkeit würde der Biologe gleichsetzen mit einer sprunghaften Mutation.
Und ebenso sprunghaft lande ich, vertrieben aus dem wieder kalten Garten, im muffigen Arbeitszimmer, am flimmernden Bildschirm, Deine Arbeiten zu schauen, und zuallererst gewärtige ich den Eindruck, einer Sammlung perfekt sinnfrei mutierter Kreaturen gegenüber zu sitzen. Eine scheinbar sprunghafte Laune der Natur hat hier gewirkt: Seht her und staunt, raunt mir ein unsichtbarer Schöpfer zu, in dessen Brust gleichsam apollinisches und dionysisches Prinzip zu wesen scheint, dies Alles ist machbar!
Doch- ganz Rationalist weiss ich, hier warst ja Du auf Deine wunderliche Weise als Famulus des Schöpfers voller Lust und mit Bedacht am Werke!

Und innerlich begebe ich mich auf die Reise in die Zeit des jungenhaften Drängens als wir wirklich Forscher waren, Abenteurer und Entdeckungsreisende, als der elterliche Garten brünstiges Amazonien, Cooks Australien und Mungo Parks liederlich tödliches Afrika sein durfte. Als wir Versteinerungen, Vogelfedern, Eulengewölle und Knochen in Salamander-Schuhkartons sammelten und imaginäre Schlachten schlugen. Dem Legen des Ariadnefadens gleich, hast Du die seelische Verbindung zu dieser Zeit des Welteroberns nie gekappt.
Im Gegenteil: Süchtig geworden bist Du mittlerweile nach blossen Knochen, den Trägern des Fleisches und der Höhle des Geistes. Das beinerne Grundgerüst beseelten Lebens hat Dich in seinen Bann gezogen, doch nicht, um des schnöden Studierenwollens dieser elementaren Materie geht es Dir sondern um das Transformieren derselben. Wie ist Was gewachsen, welchem Zweck folgt die Struktur, fragst Du wachen Auges, um die Struktur zu erweitern und das Wachsen zu verlängern. Permanent erfindest Du neu, indem Du Altbewährtes pfropfst. Natürlich kann Einem ein Rippenbogen aus der Nase wachsen, natürlich können kleine Füsschen wurzeln an chitinenem Gliederleib, der bislang Apendix- frei in der Sonne glänzte.

Was wäre Wenn? Dies ist Dein kalkulativer Ansatz. Und hast Du die ursächliche Anatomie frei transformiert, einen perfekten Humunculus geschaffen, verblüfft die exakte Form- vollendung, die neue Ästhetik. Da ist nicht nur angeklebt und zugespachtelt worden, da hat eine neue glaubhafte Form sich durchgesetzt und scheint dem Moment entgegen zu harren, aufstehen und loslaufen zu dürfen.
Deine skulpturalen Mutationen scheinen zielgerichtet im Wechsel hin zu neuer ästhetischer Formvollendung, nicht zielgerichtet jedoch hinsichtlich eines biomorphologischen Zweckes.

Dies bestimmt die künstlerische Qualität Deiner Arbeiten: deren Zweckfreiheit und reine funktionale Schönheit. Bewusst verzichtest Du auf illustratives Beiwerk, Ornament oder Fassade. Ein Kleid hat nur den einen Zweck, nämlich zu verführen, es fungiert als werbende Attitüde der Eitelkeit, es schützt zwar aber versteckt das Wesen. Trotz des glücklichen Verzichts auf ein illustratives Äusseres Deiner Arbeiten, verzichtest Du nicht auf die Möglichkeit der Narration. Im Gegenteil: in der Art und Weise wie Du Deine biomorphen Schöpfungen zur Schau stellst, räumst Du ihnen gleichsam die Chance ein, erzählend aufzutreten. Anders als in staubtrockenen archäologischen Sammlungen prähistorischer Absonderlichkeiten, lässt Du Deine Karkassen denkbarer Wesen jeweils einen Thron besteigen, theatralisierst ihre Präsenz somit und forderst von uns, den Betrachtern, zwangsläufig eine emotionale Reaktion. Plötzlich scheinen die Wesen beseelt, sozialisieren sich, ich sehe die stolze Prinzessin Schulterblatt, den dunklen Prinzen Kopffüssler oder den unnachgiebigen Patriarchen Scheitelbein.
Lustvoll steige ich ein in das Sammelbecken perfekt in Form gebrachter und nachvollziehbar lebenstauglicher Monstrositäten, staune und freue mich über den forschenden und findenden Künstler Dirk Wunderlich.

Malte Brekenfeld, Mai 2010

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